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správce: Dr. Jan Jiroušek
téma: Memorandum über den Zustand der Slawistik in Deutschland vytvořeno: 17. října 2005, 21:37 supervisor: Dr. Jan Jiroušek skupina: veřejnost počet příspěvků: 0 Memorandum
über den Zustand der Slawistik in Deutschland
Abbau der Slawistik, jetzt auch an der Humboldt-Universität. Die Bildungs- und Wissenschaftspolitik ist gefragt. Geschichte, Gegenwart und Zukunftsperspektiven der Slawistik. Slawistik als sogenanntes „kleines Fach“ – ein Widerspruch zur Realität der slawischen Länder. Auswirkungen der Studienreformen und Krise der Geisteswissenschaften treffen die Slawistik besonders hart. Slawistik braucht eine Lobby.
DIE SLAWISTIK BEFINDET SICH IM ABBAU. Das gilt nicht nur für die Slawistik in Deutschland. Auf dem 13. Internationalen Slawistenkongress in Ljubljana im August 2003 wurde eine offizielle Resolution zur „ernsten Situation“ der internationalen Slawistik herausgegeben. Es bestehe ein grotesker Widerspruch zwischen dem Ausbau der Europäischen Union durch Aufnahme slawischer Länder und dem Abbau der Slawistik. Das geht die Europäische Union und Deutschland als eines ihrer Mitgliedsländer an. Doch für Deutschland gibt es besondere Gründe, sich der Lage zu stellen.
EIN SYMPTOM DER LAGE DER DEUTSCHEN SLAWISTIK ist die Gründung der bundesweiten Initiative Osteuropastudierender im Jahr 2002 als Reaktion auf drohende Schließungen und Stellenabbau. Mittlerweile existieren unter ihrem Dach drei Regionalinitiativen, in Nordrhein-Westfalen, für die Region Rheinland-Pfalz-Hessen sowie Berlin-Brandenburg. Letztere veranstaltete im Februar 2005 zusammen mit dem Fachschaftsrat Slawistik und Hungarologie an der Humboldt-Universität in Berlin einen Diskussionsabend zum Thema „Gegenwart und Zukunft der Slawistik und Hungarologie in Berlin“. Die Studierenden waren in so großer Zahl gekommen, dass der Senatssaal sie kaum fassen konnte. Gekommen waren auch Botschafter und Botschaftsräte aus sieben slawischen Ländern und aus Ungarn, dagegen hatten bis auf eine Ausnahme alle geladenen deutschen Politiker wegen wichtigerer Termine abgesagt. Der Präsident der Humboldt-Universität ließ sich durch einen Vizepräsidenten vertreten, der gleich nach Verlesung seines Statements ebenfalls forteilte, so dass bei der Diskussion Slawisten und Botschaftsrepräsentanten unter sich blieben.
Anlass der Veranstaltung waren die Pläne der Hochschulleitung, bis 2009 Einschnitte in den Bestand der Slawistik in der Hauptstadt vorzunehmen. So wird der alteingesessene und renommierte Lehrstuhl für polnische Literatur und Kultur ab Frühjahr 2005 auf eine Juniorprofessur reduziert. Schließungen oder herabstufende Umwandlungen von Lehrstühlen gehören inzwischen zur Routine deutscher Hochschulpolitik, doch die slawischen Länder wollen sich damit offensichtlich nicht länger abfinden. Ihre empfindliche Reaktion hängt auch damit zusammen, dass im Jahre 2002 die Slawistik an der Freien Universität zu Berlin mit dem Versprechen geschlossen wurde, die Slawistik an der traditionsreichen Humboldt-Universität werde verstärkt.
Der Direktor des Berliner Instituts für Slawistik, Professor Dr. Wolfgang Gladrow, stellte bei der Eröffnung der Podiumsdiskussion klar, dass die Berliner Slawistik eine WISSENSCHAFTSPOLITISCHE FRAGE ist. Die Abwesenheit der Politiker bezeugt, dass hierüber die Meinungen auseinandergehen. Aus der Diskussion ging hervor, dass wirtschaftliche und außenpolitische Beziehungen zu den slawischen Ländern von deutscher Seite von Begriff und Einrichtung der Slawistik an den Hochschulen losgekoppelt werden. Vladimir V. Kotonov, der Botschafter der Russischen Föderation, brachte jedoch den Gerling-Konzern als Gegenbeispiel: Der Konzern habe versucht, ohne jede Kenntnis russischer Sprache und Kultur in Russland eine Filiale aufzubauen und sei auch aus diesem Kenntnismangel gescheitert. Von Seiten der Polnischen Botschaft, die durch den Botschafter Dr. Andrzej Byrt und den Botschaftsrat Dr. Jan Rydel vertreten war, wurde darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik den 1991 unterzeichneten Vertrag für wechselseitige Förderung von Sprache, Wissenschaft und Kultur des Nachbarn im eigenen Land nicht einhalte, während Polen um hundertprozentige Erfüllung bemüht sei. Entsprechendes kann man übrigens über den gleichartigen Vertrag zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland aus dem Jahre 1992 konstatieren. Es wurde auch klar, dass die Entschuldigung der deutschen Vertragspartner mit finanziellen Zwängen auf die Nachbarn, die mit weitaus größeren Geldnöten als die reiche Bundesrepublik zu kämpfen haben, nicht überzeugend wirkt. In der Tat handelt es sich um eine Sache der Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsplanung. Diese, so Dr. Rydel, müsse die kommenden zehn bis zwanzig Jahre ins Auge fassen und nicht nur die nächste Wahl.
Wenn die Lage der Slawistik eine Sache der Wissenschaftspolitik ist, dann ist auch nach dem Zustand dieser Politik zu fragen. Unlängst hat der ehemalige Parteivorsitzende der SPD, Dr. Hans-Jochen Vogel, Ferdinand Lassalles Verdikt aus der zweiten Verfassungsrede als „hoch aktuell“ bewertet: Jede politische Aktion beginne mit dem Aussprechen dessen, was ist, und jede Kleingeisterei beginne mit dem Bemänteln dessen, was ist. (Die Zeit, Nr. 7, 10. Februar 2005, S. 11) Das, was ist, steht freilich immer auch in der Kontinuität mit dem, was war und was sein wird.
WAS WAR, WAS IST UND WAS WIRD MIT DER DEUTSCHEN SLAWISTIK? Das, WAS WAR, lässt sich in zwei Phasen einteilen. Die erste umfasst die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1995. Am Ende des Krieges gab es auf dem Territorium der späteren Bundesrepublik gerade noch einen ordentlichen Lehrstuhl für Slawistik, an der Ludwig Maximilians Universität in München. Ab 1948 bis 1954 entstanden in der alten Bundesrepublik dreizehn weitere Lehrstühle, und bis 1995 war die Zahl bundesweit auf an die vierzig gestiegen, von denen allerdings nicht alle einem Slawistik-Studium dienten. (Diese und die folgenden statistischen Angaben sind nachzulesen im Bulletin der Deutschen Slavistik Organ des Verbandes der Hochschullehrer für Slavistik, Nr. 1-10/1995-2004, unter „Who’s where“ von Norbert Franz.) Die dennoch beeindruckende Zahl verdankte sich auch dem Ausbau der Slawistik in den Neuen Bundesländern. (In der ehemaligen DDR wurde die Russistik wegen des obligatorischen Russischunterrichts an den Schulen einseitig stark unterstützt, wohingegen die eigentliche Slawistik eher begrenzt war.) Für den forcierten Ausbau nach der Wiedervereinigung galten die vom Wissenschaftsrat 1992 herausgegebenen „Empfehlungen zu den Geisteswissenschaften in den Neuen Ländern“. Empfohlen wurden zwei volle, die drei Bereiche der Slawistik (Süd-, Ost- und Westslawistik) abdeckende Institute mit Standort in Leipzig und an der Humboldt-Universität; das slawistische Institut an der Freien Universität zu Berlin und die Slawistik-Standorte im gesamten Gebiet der fünf Neuen Länder sollten Profilschwerpunkte herausbilden. Als Mindestausstattung jedes Instituts länderweit galten zwei C4-Professuren und eine dritte, als Dozentur oder Gastprofessur zu definierende Stelle. Der Leitgrundsatz lautete: „Zur Vollständigkeit des geisteswissenschaftlichen Fächerspektrums an einer Universität gehört zweifellos die Slawistik in einer über die Sprach- und Literaturwissenschaft hinausgehenden Mindestausstattung.“ (Bulletin der Deutschen Slavistik Organ des Verbandes der Hochschullehrer für Slavistik, Nr. 4/1998, S. 25) Eine Annahme war, dass Bedarf und Nachfrage nach Slawisten sich in Zukunft erhöhen würden. Die erwähnten deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Verträge erscheinen in diesem Zusammenhang als Instrument der Weckung und Steuerung von Bedarf und Nachfrage, unter anderem auch durch die vorgesehene Einführung der jeweiligen Sprache des Nachbarlandes an den Schulen.
Bis 1995 wurden die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zügig umgesetzt, wenngleich die Einführung des Polnischen und Tschechischen an deutschen Schulen zu wünschen übrig ließ und lässt. Doch dann setzte eine Kehrtwende zur zweiten Phase ein: Vakante Stellen wurden erst nicht wiederbesetzt, dann eingezogen, die Zahl der studierbaren slawischen Sprachen reduziert, ganze Institute geschlossen: neben der Slawistik an der Freien Universität die Institute in Münster, Saarbrücken, Mannheim, Rostock, Bayreuth. Oder sie wurden umgewandelt in Service-Institute wie die traditionsreiche Slawistik in Frankfurt am Main. Von den 1995 bestehenden 139 Lehrstühlen bzw. Professuren wurden 36 abgebaut (27 %), hinzukommen die Streichungen beim akademischen Mittelbau und den Lektoraten slawischer Sprachen. Das, WAS IST, lässt sich jetzt so beschreiben: Jedes Institut, an dem eine Professur oder Assistentur vakant wird, muss mit Streichung rechnen. Das geht an die Substanz des Faches. Die „Mindestausstattung“ der drei Stellen auf professoraler Ebene ist in einer erschreckenden Zahl (21) auf zwei abgesunken, davon ist oft eine Stelle nur noch mit „vacat“ ausgewiesen, was in der Regel bedeutet, dass die Stelle bei nächster Gelegenheit wegfällt. Zehn Institute haben nur noch eine Professur.
Welche Faktoren außer den Streichungen sind relevant für das, WAS WIRD? Hier wirkt sich zum einen die vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Gang gebrachte Umstrukturierung der Studienfächer aus. Das für die Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften vorgesehene Bachelor-Studium mit nur noch sechs Studiensemestern bedeutet für die Slawistik, deren Studierende nur in äußerst geringem Ausmaß Kenntnisse des Russischen (noch weniger des Polnischen) von der Schule mitbringen, eine Beschränkung auf eine einzige anstelle der bisherigen zwei slawischen Sprachen. Wie derart ausgebildete Studierende den Sprung zum achtsemestrigen Master-Studium, das zwei slawische Sprachen und gediegene fachwissenschaftliche Qualifizierung verlangt, bewältigen sollen, bleibt fraglich. Da sich aus den Master-Studiengängen aber die zukünftigen Wissenschaftler rekrutieren müssen, ist für die Zukunft mit einem Mangel an qualifizierten Slawisten zu rechnen. Allerdings erhebt sich die Frage, für wen dies ein Mangel ist, denn die Studienreform und der Abbau der slawistischen Einrichtungen treffen aus planerischer Sicht darin zusammen, dass ein Bewusstsein des Mangels gar nicht aufkommen kann: Wenn keine Stellen da sind, besteht auch kein Nachwuchsbedarf.
Ein zweiter, für die Zukunft der Slawistik wirksamer Faktor ist die generelle Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland. Die DFG hat ihre bedrohliche Lage inzwischen erkannt und mit einer „Förderinitiative Geisteswissenschaften“ reagiert, die im Jahre 2003 in Maria Laach in der Eifel eine Klausurtagung abhielt. Es ging unter anderem um die Fächer, die mit vergleichsweise kleinen Einheiten an den Hochschulen vertreten sind. Sie seien durch den praktizierten, rein inneruniversitären Vergleich, der sich an quantitativem Effizienzdenken orientiert, von Reduzierung oder Schließung bedroht. Nicht nur einzelne Standorte, sondern das ganze Fach könne von der Landkarte verschwinden. Als Gegenmaßnahme wurde gefordert, dass Entscheidungen über einzelne Wissenschaftsstandorte mit der nationalen Gesamtentwicklung des Faches rückgekoppelt werden müssten. Hochschulleitungen haben diesen ganzheitlichen Blick in unserer föderalen Bildungslandschaft in der Regel aber nicht. In Deutschland wird die Slawistik im Vergleich zu den fremdsprachlichen Philologien Romanistik und Anglistik als „kleines Fach“ behandelt, ihre Bedrohung zeichnet sich allerorten ab.
Doch die Definition selber als „kleines Fach“ ist nicht unpolitisch. Die Fragen nach dem WAS WAR, WAS IST und WAS WIRD SEIN lassen sich auf der Ebene der Begriffsdefinition noch einmal abbilden. Die Slawistik selber versteht sich als philologische Disziplin, die sich mit den etwa zwölf slawischen Sprachen, ihren oftmals 800-1000 Jahre zurückreichenden Literaturen und ihrer Kulturgeschichte beschäftigt. Die Sprecher der slawischen Sprachen (294 Millionen) übersteigen in Europa diejenigen der germanischen (200 Millionen) und romanischen (197 Millionen) Sprachen. Mit dem Beitritt Polens, der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik und Sloweniens sind an die 60 Millionen slawischer Muttersprachler zu EU-Bürgern geworden, weitere stehen in der Warteschleife. Die Ost-, Süd- und Westslawen auch jenseits der EU-Grenzen sind uns seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ näher gerückt. In der „Präambel“ zum Konzept der deutschen Slawistik aus dem Jahr 2004 heißt es: „Aufgabe der deutschen Slawistik ist es, das Wissen über die slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen durch Forschung zu vermehren sowie in der Lehre und im öffentlichen Leben zu verbreiten. Sie ist die einzige Philologie im Fächerspektrum der Universität, die Ost- und Südosteuropa im Blick hat und damit die Hälfte des Kontinents beachtet.“ (Bulletin der Deutschen Slavistik Organ des Verbandes der Hochschullehrer für Slavistik, Nr. 10/2004, S. 23) Diese Selbstdefinition der Fachvertreter steht in Widerspruch zur Definition des Faches im inneruniversitären Diskurs, und das hat Auswirkungen auf die Praxis: Das als „kleines“ definierte Fach wird noch kleiner gemacht und ist mehr als andere geisteswissenschaftliche Fächer vom Verschwinden bedroht. In der Romanistik beispielsweise sind Schließungen und Streichungen in keinem vergleichbaren Ausmaß vorgenommen worden. Ein Wertbewusstsein wie für die Romanistik oder auch Anglistik gebührt aber auch der Slawistik.
Die aktuelle Rückkehr zur Definition des Faches als eines „kleinen“ steht in unguter Kontinuität mit unserer Geschichte im 20. Jahrhundert, die oftmals von Geringschätzung für die Slawen geprägt war. Ein Faktum, das die Geschichte der europäischen Slawistik insgesamt berührt, ist die Überführung des 1928 auf Anregung des tschechoslowakischen Präsidenten T. G. Masaryk gegründeten Slawischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaft in Prag in die Reinhard Heydrich-Stiftung, was praktisch das Ende ihrer Existenz bedeutete (1944). Dieses Institut hatte internationale Ausstrahlung, auch durch die von ihm herausgebrachte Zeitschrift Germanoslavica, die sich unter anderem den deutsch-slawischen Beziehungen widmete. Prag war und ist ein eminenter Wissenschaftsstandort für die Bohemistik und die gesamte internationale Slawistik. Was Deutsche hier angerichtet haben, bleibt unvergessen. Dass jetzt, angesichts der Einschränkungen der einzig verbliebenen Slawistik der Hauptstadt Berlin, die Botschaften der slawischen Länder zu so deutlichem Protest angetreten sind, hängt auch mit der Vergangenheit und ihrer Nachwirkung bis heute zusammen.
Der deutschen Öffentlichkeit muss auch zu Bewusstsein gebracht werden, dass das, was mit der Slawistik in der deutschen Hochschullandschaft geschieht, eine Ausstrahlung ins westliche Ausland hat: Im Februar des Jahres 2004 hat die Leitung der Baseler Universität die Schließung der dortigen Slawistik vorgeschlagen. Damit wäre auch die Bohemistik gleich an zwei Universitäten ruiniert, weil die Baseler Bohemistik diejenige in Fribourg mitbetreut. Internationale Proteste konnten bisher zumindest eine Denkpause bei der Universitätsleitung erwirken. Das ungute deutsche Beispiel droht also Schule zu machen. Begriff und Sache der Slawistik können international IN ZUKUNFT verschwinden oder doch auf ein Substrat ähnlich demjenigen in unserer Vergangenheit zurückgebracht werden.
Die aktuelle Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen ist zweifellos ein wichtiger Verursachungsfaktor der Bedrängung der Slawistik. Doch dieser trifft nicht alle Fächer und Fakultäten gleichermaßen. Die Technischen Hochschulen dürfen die Master-Studenten in zehn Semestern ausbilden. Die Romanistik hält sich weitaus besser als die Slawistik, das geisteswissenschaftliche Fach Jura steht glänzend da: Die Bundesrepublik weist weltweit die höchste Dichte an Juristen auf. Von 1990 bis 2004 konnte sich die Zahl der Anwälte verdoppeln (MAZ, 08.03.2005, „Immer mehr Rechtsanwälte“, dpa). Symptomatisch für diese „Blüte“ ist das kleine Land Brandenburg, das zwei juristische Fakultäten hat (in Potsdam und an der Viadrina-Universität), während die anfänglich auf sechs Professuren geplante einzige Slawistik (Potsdam) inzwischen auf drei Professuren geschrumpft ist, von denen die dritte zur Diskussion steht. Offenkundig haben einige Fächer eine hervorragende Lobby.
EINE LOBBY DER EINSICHTIGEN BRAUCHT AUCH DIE DEUTSCHE SLAWISTIK! Auf der Ebene der Außenpolitik, der einzelnen politischen Abgeordneten und bei den Stiftungen der deutschen Wirtschaft zeichnet sich eine solche Lobby schon ab. Auch bei den Medien beginnt sich der Blick auf die slawischen Nachbarn zu wandeln. Es wird erkannt, dass nicht nur die historischen und kulturellen Errungenschaften unserer westeuropäischen, sondern auch die der slawischen Nachbarn eine Bereicherung bedeuten. Alte Vorurteile finden offensive Missachtung. Was bisher fehlt, ist eine durchgreifende Wachrüttelung im Bildungs-, Schul- und Hochschulbereich. Hier müssten, dem Beispiel der deutsch-französischen Aussöhnung folgend, langfristige Programme zur Ausweitung von Jugendbegegnungen und universitärer Ausbildung in slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen durchgeführt werden. Auch die deutsch-französische Aussöhnung war ein langer Prozess, ehe die jetzigen Zahlen an Französischlernenden und Romanistikstudierenden erreicht wurden. Dieser lange Atem ist auch für die deutsch-slawische Aussöhnung nötig. Der Abbau der Slawistik ist ein gegenläufiges Signal, weil damit in der Öffentlichkeit das alte Vorurteil von der vermeintlich geringeren Bedeutung osteuropäischer Kulturen gegenüber den romanischen und germanischen Kulturen Europas bestätigt wird. Bildungseinrichtungen und Kultusministerien der Bundesländer sind gefragt – hier muss es zu einer beherzten Erfüllung der Nachbarschaftsverträge mit Polen und Tschechien sowie zur Einsicht in die befruchtenden Werte der russischen und anderen slawischen Kulturen kommen, um die wegweisenden Initiativen aus Politik, Wirtschaft und den Medien sowie unserer Studentenschaft zum Erfolg zu führen.
Adressen der ersten Empfäger:
Auswertung der Reaktionen auf das Memorandum über den Zustand der Slawistik in Deutschland vom Mai 2005 (Prof. Dr. Herta Schmid, Dr. Katrin Berwanger; Universität Potsdam, August 2005)
Ziel des Memorandums war es, eine systematische Übersicht über den kontinuierlichen Abbau der Slawistik an den deutschen Universitäten zu vermitteln und bei den politischen Entscheidungsträgern sowie bei aufgrund ihrer Position und ihres Ansehens in der bundesdeutschen Öffentlichkeit einflussreichen Persönlichkeiten Aufmerksamkeit für den momentanen Zustand und das Anliegen der Slawistik zu wecken. Die Reaktionen haben gezeigt, dass das Ausmaß der Reduktion slawistischer universitärer Einrichtungen im Zeitraum der letzten zehn Jahre viele überrascht und besorgt gemacht hat.
Briefliche Reaktionen kamen von der Bundesregierung und ihrem Wissenschaftsministerium, der Fraktion der SPD, neun Staatskanzleien der Länder bzw. Länderministerien für Wissenschaft, Kultur, Bildung oder auch Kunst, dem Wissenschaftsrat, dem Bundespräsidialamt, dem Büro des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker (telefonische Reaktion) sowie dem Büro des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt, aus Stiftungen wie Friedrich Naumann Stiftung, Adalbert Stifter Verein, Robert Bosch Stiftung, vom Büro der Koordinatorin für die deutsch-polnische grenznahe und zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit Prof. Dr. Gesine Schwan, von Jan Noack, dem Vorsitzenden des Präsidiums der Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V., vom Fachverband Moderne Fremdsprachen. Geantwortet haben auch Eva Kantůrková, Vorsitzende des Tschechischen Schriftstellerverbands, sowie der tschechische Kulturminister Pavel Dostál. Die polnische Redaktion von Radio Multi-Kulti am RBB hat mit den beiden Verfasserinnen des Memorandums ein Interview ausgestrahlt (Sendung vom 13.07.05). Allen und insbesondere denen, die uns ausführlich geantwortet haben, möchten wir an dieser Stelle unseren herzlichen Dank aussprechen.
Der Dank gilt auch der Tatsache, dass sich aus den Antwortschreiben ein wissenschaftspolitischer Rahmen ergibt, in den die Vorgänge in der Slawistik eingeordnet werden können. Dieser Rahmen enthält zwei Hauptaspekte, die zum einen die aktuelle Handlungssituation in der Wissenschaftspolitik und zum andern Möglichkeiten weiteren Einwirkens von Seiten der Slawisten und ihrer Verbände auf die Zukunft des Faches Slawistik betreffen. Beide Aspekte seien resümiert:
I. Die aktuelle Handlungssituation in der Wissenschaftspolitik steht unter der Bedingung einer bundesweiten Umstrukturierung der Hochschulen. Diese umfasst neben der Einführung der neuen Studiengänge des Bachelor- und Masterstudiums und der Modularisierung auch Vorgänge der sog. profilschaffenden Schwerpunktbildung bei bestimmten Fächern. Die Profilierung dient dem Wettbewerb der Hochschulen untereinander und wird als Maßnahme sowohl der Förderung wissenschaftlicher Qualität in Forschung und Lehre als auch der Einsparung gesehen, insofern „Schwerpunkte“ auch ,Schwach- oder Nullstellen‘ bei anderen Fächern implizieren.
Der Wissenschaftsrat unterrichtet uns darüber, dass von Reduzierung bzw. Wegfall der Fächer besonders (wenn auch nicht ausschließlich) die Geisteswissenschaften und die sog. „kleineren Fächer“ betroffen sind (Schreiben vom 27.05.05 des Generalsekretärs von Heyden). Mit dem Ziel des Erhalts der Fächervielfalt an den Universitäten unter spezieller Berücksichtigung der Geisteswissenschaften hat er eine Arbeitsgruppe zu Potential, Perspektiven, Förderung und institutioneller Entwicklung der Geisteswissenschaften ins Leben gerufen und an sie unser Memorandum zwecks Einbeziehung in die Beratungen weitergereicht. Aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (Schreiben vom 18.05.05 von Dr. Dietrich Gentsch) erfahren wir, dass außer im Wissenschaftsrat auch auf parlamentarischer Ebene die Gefahren für die „kleinen Fächer“ durch die Umstrukturierungsprozesse thematisiert und Lösungen für die Sicherung des Fortbestands dieser Fächer – und damit auch der Slawistik – gesucht werden sollen. Im Schreiben wird auf warnende Stimmen aus der Expertenanhörung vor dem Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung im Deutschen Bundestag (11.05.05) zur Situation der sog. kleinen Fächer hingewiesen. Es seien sowohl von den Universitätsleitungen als auch von der Landespolitik hochschul- oder gar länderübergreifende Initiativen zur Verhinderung des Verschwindens dieser Fächer von der Wissenschaftslandkarte nötig. Von Seiten der Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag (Schreiben vom 22.06.05 von Jörg Tauss) verlautet, dass die Slawistik für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration Mittel- und Osteuropas als besonders bedeutsam gilt. Es wird auf das neuerliche Förderprogramm „Geisteswissenschaften im Dialog“ der
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